Eine Zwischenbilanz

Die etwa 750 Jahre alte Hansestadt Wesel - in der niederrheinischen Tiefebene an der Mündung der Lippe in den Rhein gelegen - zählt rund 64.000 Einwohner-innen und Einwohner. Die Kreisstadt hat durch ihre relativ geschlossene Siedlungsstruktur und günstige topografische Bedingungen die besten Voraussetzungen, den heute schon hohen Radverkehrsanteil von 17 Prozent zu steigern. Der Niederrhein hat sich neben dem Münsterland in den letzten Jahren zu einer bedeutenden Radwanderregion entwickelt. Wesel bietet für Radtouristen aus dem Ruhrgebiet und aus dem Rheinland gute Naherholungsmöglichkeiten und ist an verschiedene Radwander-Routen angebunden (Niederrhein-Route, Römer-Route, Radtour Ruhr).

Planungsgeschichte und Zielvorstellungen

In den Jahren 1986 bis 1988 erstellte das Planungsamt in Zusammenarbeit mit einem externen Planungsbüro ein Radwegekonzept für die Stadt Wesel - zunächst für die Innenstadt, später dann auch für die Außenbereiche. Dieses Konzept ist darauf ausgerichtet,

  • den Radverkehrsanteil am Gesamtverkehrsaufkommen deutlich zu steigern,
  • die Sicherheit und den Komfort für Radfahrerinnen und Radfahrer zu erhöhen und
  • insgesamt den Radverkehr als Alternative zum motorisierten Individualverkehr aufzuwerten.

Die Inhalte des Radwegekonzeptes fanden Anfang der 90er Jahre Eingang in den Verkehrsentwicklungsplan Wesel und wurden bis auf kleinere Modifikationen übernommen. Das Maßnahmenprogramm war nicht nur auf den Neu- und Umbau von Verkehrsflächen ausgerichtet, sondern zielte von Anfang an darauf ab, das geplante gesamtstädtische Radverkehrsnetz auch mit einfacheren Maßnahmen zu realisieren.

Das Spektrum reicht somit von vergleichsweise kostenintensiven Maßnahmen, wie dem Umbau von Straßen, bis hin zu einfacheren Maßnahmen, wie der Abmarkierung von Radfahrstreifen. 1995 erfolgte die Aufnahme der Stadt Wesel in das Programm "Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen".

Örtliche Handlungsschwerpunkte

Zur Sicherung und Förderung des Radverkehrs entwickelte die Stadt Wesel eine breite Palette abgestufter und gezielter Maßnahmen. Neben allgemeinen Verbesserungen für den Radverkehr - Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, flächendeckende Ausweisung von Tempo 30-Zonen für das gesamte Stadtgebiet, kleinere punktuelle Maßnahmen wie Querungshilfen und Bordsteinabsenkungen - sind zu nennen:

Neue Radwege

Neben der Instandsetzung und Verbreiterung vorhandener Radwege sind in den letzten Jahren zahlreiche neue straßenbegleitende Radwege sowie straßenunabhängige Fuß- und Radwege hinzugekommen. Einige Beispiele:

Hansaring, Grafenring und Reeser Landstraße (B 8), vierspurige innerstädtische Hauptverkehrsstraßen mit einem täglichen Verkehrsaufkommen von bis zu 25.000 Kfz, wurden komplett umgebaut. Durch die Neuaufteilung der Verkehrsflächen entstand ausreichend Platz für straßenbegleitende Radwege.

Durch den Rückbau der Dinslakener Landstraße, einer Zufahrt ins Zentrum mit bis zu 10.000 Kfz pro Tag, konnte ein großzügig dimensionierter, gemeinsamer Fuß- und Radweg realisiert werden.

Für den Freizeitradverkehr entstand ein neuer, ca. 3,5 Kilometer langer Deichradweg von Rheinberg nach Büderich. Eine Fortsetzung der Strecke in Richtung Xanten ist geplant.

Darüber hinaus hat die Stadt Wesel in den letzten Jahren ein umfangreiches Markierungsprogramm durchgeführt. Durch die Anlage von Radfahrstreifen und Schutzstreifen auf einer Vielzahl von Straßen konnten die Bedingungen für den Radverkehr effektiv und kostengünstig verbessert werden. Als herausragende Beispiele sind die Schermbecker Landstraße (B 58), die Brüner Landstraße/Isselstraße (Verlängerung der B 70 in den Stadtkern), die Kurt-Kräcker-Straße, die Umgestaltung des Ringstraßenbereiches auf den Straßenzügen Kaiserring, Kurfürstenring und Herzogenring sowie die Fluthgrafstraße zu nennen.

Umgestaltung von Knotenpunkten

Einzelne Knotenpunkte wurden so umgebaut, daß Radfahrerinnen und Radfahrer den Kreuzungsbereich gut sichtbar für den Kfz-Verkehr, sicher und möglichst ohne Verzögerung passieren können.

Dabei ist eine direkte Führung des Radverkehrs die Regellösung. Besonders gelungen ist die Gestaltung der Knotenpunkte auf den Ringstraßen und in den Bereichen Wallstraße/Moltkestraße, Gantesweiler-/Alte Roßmühlenstraße sowie Dinslakener Landstraße/Kaiserring. In Wesel gibt es zur Zeit drei Kreisverkehrsanlagen, und zwar in den Kreuzungsbereichen

  • Reeser Landstraße/Bislicher Straße im Ortseingang von Flüren,
  • Grünstraße/Nordstraße zwischen den Ortsteilen Feldmark und Innenstadt und
  • Kurt-Kräcker-Straße/Friedenstraße/An de Tent im Ortsteil Fusternberg.

Weitere Anlagen sind geplant. Auch bei den Kreisverkehren ist die direkte Führung des Radverkehrs die bevorzugte Lösung.

Fahrradabstellanlagen

Da Fahrradständer prinzipiell an jedem Zielpunkt des Radverkehrs (Schulen, Verwaltung, größere Betriebe, Hauptgeschäftsbereich u. a.) erforderlich sind, hat die Stadt Wesel begonnen, die Innenstadt mit Fahrradparkplätzen auszustatten. Ziel ist eine dezentrale und flächendeckende Versorgung des Zentrums mit Abstellanlagen. Inzwischen gibt es hier - vor allem an verschiedenen öffentlichen Einrichtungen - zahlreiche Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.

Beim Umbau des Weseler Busbahnhofes entstand eine überdachte Anlage mit ca. 170 Fahrradparkplätzen. Am Hauptbahnhof soll in den Jahren 1998/99 eine Fahrradstation mit ca. 400 Stellplätzen gebaut werden; an den Haltepunkten Holzweg im Ortsteil Feldmark und Blumenkamp sind weitere Abstellanlagen geplant, die jedoch in Abstimmung mit der Deutschen Bahn AG voraussichtlich erst 1999 installiert werden können.

Wegweisung

Die Stadt Wesel beabsichtigt, 1998/99 ein flächendeckendes Wegweisungssystem für den Radverkehr aufzubauen. Alltagsverkehr und Freizeitverkehr sollen dabei integriert werden. Die Beschilderung hat zwei Ziele: Einerseits soll der Radverkehrs auf sichere Routen gelenkt werden, andererseits wird eine Komfortverbesserung angestrebt.

Öffentlichkeitsarbeit

Um einen nennenswerten Umsteigeeffekt vom Pkw auf das Fahrrad zu erreichen, beschränkt sich die Stadt Wesel nicht nur auf bauliche Maßnahmen, sondern steigt auch in die Öffentlichkeitsarbeit ein. Unter dem Motto "Radfahren ist eine gute Sache" fanden in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern - Schulen, Polizei, ADFC, VHS, Fahrradhandel - zahlreiche Aktionen statt:

Höhepunkt aller Veranstaltungen ist die jährliche Rad´n Roll-Party mit Informationen und Aktionen rund um´s Rad. Im Rahmen dieser Veranstaltung, die 1998 zum achten Mal stattfand, präsentiert die Stadt in Zusammenarbeit mit dem ADFC, der Polizei, örtlichen Radhändlern und mehreren Jugendgruppen unterschiedlichste Themen. So geht es z. B. um den Ausbau des Weseler Radwegenetzes oder einfache Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs (Markierungslösungen), um die Sicherheit am Rad oder die Beschilderung der Radwege. Parallel dazu finden Informationsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen mit der Bevölkerung statt. Die Rad´n Roll-Party wird von einer umfassenden Presseberichterstattung begleitet.

In einer gemeinsamen Aktion führten das städtische Ordnungsamt, Polizei und ADFC Lichttestwochen für Fahrräder durch. Im November 1997 wurden vor den weiterführenden Schulen Hunderte von Fahrrädern auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft. Drei örtliche Fahrradhändler reparierten die festgestellten Mängel unentgeltlich. Die Aktion war mit einer Verlosung verbunden, bei der es attraktive Preise rund um´s Fahrrad zu gewinnen gab. Zum Abschluß der Testwochen veranstaltete der ADFC einen Informationstag zum Thema "Beleuchtung am Fahrrad". Aufgrund der positiven Resonanz soll die Aktion in den nächsten Jahren wiederholt werden.

Um die Weseler Bevölkerung zu einer verstärkten Benutzung des Fahrrads zu motivieren, erstellte die Stadt das Faltblatt "Wesel fährt Rad".

Ausblick

Das in Wesel vorhandene Potential zur Benutzung des Fahrrads - immer noch finden viele Kurzstrecken-Fahrten mit dem Auto statt - ist noch lange nicht ausgeschöpft. Zur Förderung des Radverkehrs sind daher für die nächsten Jahre weitere Umbau- und Erneuerungsmaßnahmen geplant. So ist beispielsweise der Um- und Ausbau der Ham-minkelner Landstraße im Ortsteil Feldmark vorgesehen.

Hierbei handelt es sich um eine Wohnsammel- und Ortsteilverbindungsstraße, die zur Zeit nur unzureichend mit Radverkehrselementen ausgestattet ist. Dies gilt auch für die Friedenstraße, die sich durch die Ortsteile Fusternberg und Schepersfeld zieht.

Auch hier werden straßenbegleitende Radwege angelegt. Darüber hinaus sollen alle Neubaugebiete, insbesondere die Wohnsammel- und Erschließungsstraßen, fahrradfreundlich gestaltet werden, so daß die noch vorhandenen Lücken im Radwegenetz der Stadt Wesel spätestens bis zum Jahr 2005 geschlossen sind.