Stadt Troisdorf - Eine Zwischenbilanz

Troisdorf liegt verkehrsgünstig zwischen den Großstädten Köln und Bonn und ist mit über 73.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die größte kreisangehörige Stadt im Rhein-Sieg-Kreis. Von der Siedlungsstruktur und Topografie her bietet Troisdorf nahezu optimale Voraussetzungen für den Radverkehr: Neun von zehn Stadtteilen liegen nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt in der Rheinebene. Mit der Aufnahme ins Förder-programm "Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen" im Jahre 1989 fing die Stadt an, den Radverkehr in großem Maßstab zu fördern. Damit war Troisdorf nicht nur eine der ersten nordrhein-westfälischen Städte, sondern nahm mit dem Modellprojekt "Fahrradfreundliches Troisdorf" - kurz FFT - auch bundesweit eine Vorreiterrolle ein.

Planungsgeschichte und Zielvorstellungen

Seit Mitte der 80er Jahre steht das Fahrrad im Mittelpunkt der Troisdorfer Verkehrspolitik. Um die Radfahrerinnen und Radfahrer vor dem ständig wachsenden Autoverkehr zu schützen, hatten sich die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zur verkehrspolitischen Wende entschlossen.1986/87 wurde das Troisdorfer Radverkehrskonzept entwickelt, das ein Netz von Haupt-, Neben- und Ergänzungsrouten sowie verschiedenste Einzelmaßnahmen enthält.Die Zielsetzungen des Radverkehrskonzeptes flossen 1988/89 in den Troisdorfer Verkehrsentwicklungsplan ein. Es geht vor allem darum,

  • dem Fahrrad politische und planerische Priorität einzuräumen und seine bekannten Vorteile als Alltagsverkehrsmittel voll zur Geltung zu bringen,
  • das Fahrrad als ein gleichberechtigtes Verkehrsmittel anzuerkennen,
  • eine weitestgehende Sicherheit des Fahrradfahrens herzustellen und
  • den Anteil des Fahrradverkehrs dadurch zu steigern, daß möglichst viele Autofahrten im Kurz- und Mittelstreckenbereich durch Fahrradfahrten ersetzt werden.

Um diese Ziele umzusetzen, war ein gutes Projektmanagement notwendig. Mit der Planung, Bauleitung und Öffentlichkeitsarbeit wurde 1988 für die gesamte Projektdauer ein erfahrenes Kölner Planungsbüro beauftragt. Innerhalb der Verwaltung wurde eine dezernats- und ämterübergreifende Projektgruppe eingerichtet.

Mit dieser Arbeitsgruppe konnten Fachkompetenz gebündelt, der Informationsaustausch intensiviert und schnelle Entscheidungen getroffen werden. Parallel dazu bildete sich auf politischer Ebene der Sonderausschuß "Fahrradfreundliches Troisdorf", der mit allen erforderlichen Kompetenzen ausgestattet ist; der ADFC ist hier mit beratender Stimme vertreten. Diese Form der Projektorganisation hat sich bestens bewährt.

Örtliche Handlungsschwerpunkte

Um ein gesamtstädtisches und funktionierendes Radverkehrsnetz zu verwirklichen, das es ermöglicht, alle wichtigen Ziele und Quellen in der Stadt schnell, sicher und bequem zu erreichen, war ein umfangreiches und differenziertes Handlungsprogramm erforderlich. Aus der Vielzahl realisierter Maßnahmen können hier nur die wichtigsten genannt werden:

Der "Rote Faden" - das Troisdorfer Markenzeichen

Damit Autofahrer, Busfahrer und Radfahrer auf den ersten Blick erkennen, wo die Fahrspuren für den Radverkehr verlaufen, gibt es in Troisdorf den "Roten Faden", der alle Radverkehrsanlagen kenntlich macht.

Bei gebauten Radwegen sind dies beiderseits eingelassene rote Pflastersteine oder Platten, bei Markierungslösungen besteht der rote Faden aus einem fünf Zentimeter breiten roten Strich, der die weiße Regelmarkierung begleitet. Diese Farbkombination hat eine hohe Signalwirkung und ist im Straßenraum für alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer sehr gut sichtbar.

Die Umgestaltung der Frankfurter Straße

Die Frankfurter Straße - eine innerstädtische Bundesstraße mit mehr als 25.000 Autos am Tag - ist in jeder Beziehung Troisdorfs Hauptstraße, sie ist vor allem aber auch eine wichtige Schulwegroute. Weil Platz für einen ausreichend breiten Radweg fehlte, gab er hier nur zwei Alternativen: entweder nichts zu tun oder Radfahrstreifen anzulegen.

Die Stadt entschied sich für die zweite Variante und wagte damit einen mutigen Schritt. Doch der Erfolg gibt ihr Recht: Diese nicht nur für Troisdorf neue Lösung hat die Situation für Radfahrerinnen und Radfahrer deutlich verbessert. Der Straßenraum wurde so geschickt neu aufgeteilt, daß selbst für Linienbus- und Schwerlastverkehr noch genügend Raum ist.

Auf der Frankfurter Straße spielte die sichere Führung des Radverkehrs in den Kreuzungsbereichen eine zentrale Rolle. Hier galt es vor allem, die Kreuzung Frankfurter Straße/Römerstraße, eine der verkehrsreichsten Knotenpunkte in Troisdorf, fahrradfreundlich umzugestalten.

Durch zahlreiche Markierungsmaßnahmen ist es gelungen, Platz und Sicherheit für den Radverkehr zu gewinnen: mit geradlinig geführten Radfahrstreifen, vorgezogenen Haltelinien, Linksabbiegespuren, aufgeweiteten Radaufstellflächen, Kombispuren und Veloweiche wurde hier nahezu das gesamte Markierungsrepertoire ausgeschöpft.

Die Veloroute - Troisdorfs grüne Fahrradschnellbahn

Als schnelle und komfortable Radstrecke ist die mehr als vier Kilometer lange Veloroute im Zuge von Talweg, Bahnstraße und Men-dener Straße eine der Hauptachsen im Troisdorfer Radverkehrsnetz. Sie ist durchgehend 3,5 bis 4,0 Meter breit und durch einen mit Bäumen bepflanzten Grünstreifen von der Fahrbahn getrennt. Damit ist nicht nur eine sichere, sondern auch eine attraktive Fahrt gewährleistet.

Die Veloroute wurde als Zweirichtungstrasse angelegt, der erforderliche Platz durch Straßenrückbau gewonnen. Auf der Bahnstraße mußte die Fahrbahn auf 4,35 Meter eingeengt werden. Im Begegnungsfall Pkw/Lkw oder Lkw/Lkw kann ein Fahrzeug den Rand der Veloroute mitbenutzen, die dafür eigens einen verstärkten Unterbau, eine entsprechende Pflasterung und einen schrägen Bordstein erhielt.

Der nördliche Teil der Troisdorfer Veloroute wird als Fahrradstraße weitergeführt. Damit ist eine ehemals beliebte Schleichstrecke für den Autoverkehr erfolgreich unterbrochen und der Talweg wieder zu einer ruhigen und attraktiven Wohnstraße geworden.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Stadt Troisdorf entwickelte in den vergangenen 10 Jahren unterschiedliche Strategien und Aktionsprogramme, um die Leitgedanken der fahrradfreundlichen Stadt publik zu machen. Die Öffentlichkeitsarbeit ging dabei von Anfang an weit über die reine maßnahmenbegleitende Information hinaus. Mit geeigneten Aktionsformen ist es gelungen, verschiedene Zielgruppen anzusprechen und zur Fahrradnutzung zu motivieren, so zum Beispiel

die Bürgerinnen und Bürger: Über die Presse und Hauswurfsendungen wurden alle Trois-dorfer Haushalte kontinuierlich über neue Maßnahmen informiert. In den ersten Jahren des Projektes erhielten die Bürgerinnen und Bürger im Fahrrad-Informationszentrum (FIZ) kompetente Beratung in allen Fragen rund um´s Rad. Das Zentrum war in dieser Zeit zentrale Anlaufstelle und verzeichnete mehr als 25.000 Besucherinnen und Besucher. Das FIZ wurde später ins Bürgerinformationszentrum integriert. Bei den Fahrradaktionstagen, die der ADFC in Zusammenarbeit mit der Stadt seit 1989 veranstaltet, standen Spaß und Spiel im Vordergrund. Der Troisdorfer Fahrradkulturkalender informierte jährlich stadtweit über die etwa 70 Fahrradveranstaltungen. Sehr werbewirksam war auch der Radfahrerstadtplan, der kostenlos an alle Haushalte verteilt wurde.

Schulen und Lehrer: In Fortbildungsveranstaltungen wurde den Lehrerinnen und Lehrern schon in den ersten Projektmonaten gezeigt, wie sie das Thema Fahrrad im Unterricht behandeln können. Seitdem haben an verschiedenen Troisdorfer Schulen zahlreiche Fahrradprojekttage und -wochen stattgefunden. Auch bei den Troisdorfer Verkehrstagen waren Schülerinnen und Schüler beteiligt.

Politik und Verwaltung: Um die Bereitschaft zur verkehrspolitischen Wende auch bei den Entscheidungsträgern zu erhöhen, wurden Rat, Verwaltung und Medien in die Öffentlichkeitsarbeit einbezogen und an zahlreichen Aktionen beteiligt. Städtische Diensträder wurden bereits 1988 angeschafft und sind seitdem aus dem Trois-dorfer Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

die Fachwelt: Seit der Aufnahme ins Förderprogramm des Landes steht die Stadt Troisdorf im Mittelpunkt des fachlichen Interesses. Zahlreiche Vorträge auf Seminaren und Tagungen haben zur Popularität des Modellprojektes beigetragen. Immer wieder kommen Besuchergruppen aus dem In- und Ausland nach Troisdorf, um sich die Situation vor Ort anzusehen. Da das große Interesse die Personalkapazität überforderte, wurde 1992 der Stadtexkursionsführer "Troisdorf 25 x fahrradfreundlich" erarbeitet, mit dem die neuen Radverkehrsanlagen auf eigene Faust erkundet werden können.

Ausblick

Entscheidungsfreude, Flexibilität, Mut zu innovativen und unkonventionellen Lösungen, Durchhaltevermögen und die kooperative Zusammenarbeit aller Beteiligten über einen langen Zeitraum machen den Erfolg des Modellprojektes "Fahrradfreundliches Troisdorf" aus. Durch die erhebliche Verbesserung der Bedingungen für das Radfahren und eine intensive Öffentlichkeitsarbeit hat sich im Stadtbild und in den Köpfen einiges getan.

Der Anteil des Radverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen stieg zwischen 1988 und 1996 um fast ein Drittel von 16 auf 21 Prozent. Entscheidend dabei ist, daß diese Entwicklung nicht zu Lasten des Umweltverbundes ging, sondern gleichzeitig spürbare Reduzierungen des Kfz-Verkehrs erreicht werden konnten: Der Anteil der Autofahrten sank von 45 auf 41 Prozent - dies entspricht einem Rückgang um fast 10 Prozent (!).

Trotz der großen Erfolge wird die Stadt Troisdorf weiter daran arbeiten, die Angebote für Radfahrerinnen und Radfahrer zu verbessern und die Fahrradkultur zu fördern. Untersuchungen haben gezeigt, daß schon bei vergleichsweise geringen Verhaltensänderungen weitere Steigerungen des Fahrradanteils möglich sind, so daß dieses Verkehrsmittel ein Viertel und mehr aller Wege abdecken könnte.