Eine Zwischenbilanz

Umgeben von einer reizvollen und abwechslungsreichen Landschaft am Rande des Weserberglandes liegt das über 1200 Jahre alte Minden am Wasserstraßenkreuz von Weser und Mittellandkanal. Die 84.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende ehemalige Bischofs- und Hansestadt nördlich der Porta Westfalica ist kultureller Mittelpunkt, Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum des Kreises Minden-Lübbecke. Mit zahlreichen sehenswerten Zeugnissen alter Baukunst ist die Stadt Minden seit 1990 Mitglied der Arbeitsgemeinschaft "Historische Stadtkerne in Nordrhein-Westfalen". Die Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft der fahrradfreundlichen Städte und Gemeinden im Jahr 1996 ist die Folge eines konsequenten Engagements von Politik und Verwaltung, einen Wandel in der Verkehrspolitik zu vollziehen. Ziel ist es dabei vor allem, den Umweltverbund zu stärken und gleichberechtigt neben den motorisierten Individualverkehr zu stellen.

Planungsgeschichte und Zielvorstellungen

Der Generalverkehrsplan der Stadt Minden von 1961 berücksichtigte - dem damaligen Zeitgeist entsprechend - primär die Belange des motorisierten Individualverkehrs. Spätere Überarbeitungen in den Jahren 1976 und 1980 brachten erste Ansätze zur Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs. Doch erst mit der Erarbeitung des Verkehrsentwicklungsplanes zwischen 1994 und 1996 erfolgte eine Rückbesinnung auf die umweltfreundlichen Verkehrsmittel Fahrrad, Bus und Bahn. Durch eine stadtverträgliche Verkehrspolitik sollten nicht nur die notwendige Mobilität gesichert, sondern gleichzeitig auch die negativen Begleiterscheinungen des motorisierten Verkehrs - Flächenverbrauch, Stau, Lärm, Smog, Unfallgefahr, Parkplatznot - reduziert werden. Zur Förderung des Radverkehrs beschloß der Rat der Stadt Minden 1994 ein 10-Punkte-Programm mit folgenden Grundsätzen:

  • Vervollständigung der Radverkehrsachsen aus den Stadtteilen in die Innenstadt
  • Entwicklung eines dichten und geschlossenen Radverkehrsnetzes (flächendeckend)
  • Kurzfristige Mängelbeseitigung im vorhandenen Radwegenetz
  • Verbesserungen in Knotenpunktbereichen
  • Ergänzung und Verbesserung von Fahrradabstellanlagen
  • Radverkehrsbeschilderung
  • Öffentlichkeitsarbeit zur Intensivierung von Verhaltensänderungen und gegenseitiger Rücksichtnahme bei allen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern
  • Zusammenarbeit mit ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club), ARM (Aktive Radler Mindens), Baulastträgern, Polizei und anderen Städten
  • Durchführung von Mindener Fahrradtagen
  • Aufstellung eines jährlich fortzuschreibenden Fahrradprogrammes.

Um in kurzer Zeit ein geschlossenes Wegenetz aufzubauen und damit die Voraussetzungen für eine veränderte Verkehrsmittelwahl zu schaffen, sollte der Radverkehr möglichst schnell und kostengünstig gefördert werden. Mittel- bis langfristig wird ein Fahrradanteil am Gesamtverkehrsaufkommen von über 20 Prozent angestrebt. Seit 1995 existiert eine Projektgruppe "Fahrradförderung Minden", die sich regelmäßig trifft und Vorschläge für Rat und Verwaltung erarbeitet.

Mitglieder dieses Gremiums sind die Fachbereiche 5 und 6 der Stadtverwaltung (Bauen/Wohnen/Verkehr und Städtische Betriebe), Vertreter der Ratsfraktionen, Polizei, Baulastträger, ADFC, ARM, ACE (Automobil-Club Europa), freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Presse und Schülervertreter. Seit 1996 ist die Stadt Minden Mitglied im ADFC. Ziel dieser Mitgliedschaft ist es, die Kooperation untereinander zu verbessern und eine umweltgerechte Verkehrspolitik mit gezielter Fahrradförderung gemeinsam noch stärker zu unterstützen.

Örtliche Handlungsschwerpunkte

Ausgangspunkt aller Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs waren detaillierte Mängelanalysen im bestehenden Radwegenetz, letztmalig im Jahre 2002. Ein Student beradelte das gesamte Radwegenetz der Stadt Minden, fotografierte offenkundige Schwachstellen (Fahrbahnschäden, fehlende Markierungen, schlechte Absenkungen, fehlende Roteinfärbungen usw.) und schlug Verbesserungen vor. Die festgestellten Mängel, deren Beseitigung ohne größeren finanziellen Aufwand möglich war, wurden inzwischen von den einzelnen Baulastträgern erledigt. Größere Maßnahmen können erst mittel- bis langfristig durchgeführt werden.

In der Vergangenheit sind bereits an den meisten Hauptverkehrsstraßen Radwege angelegt worden, bzw. bei ausreichender Fahrbahnbreite wurden Radfahrstreifen abmarkiert. Sehr gute Erfahrungen hat die Stadt auch mit der Markierung von Schutzstreifen gemacht: Durch die optische Verengung der Fahrbahn haben sich dabei meist deutliche Geschwindigkeitsreduzierungen ergeben.

Inzwischen setzt Minden bei der Realisierung des Radverkehrskonzeptes auf Alternativen zum teuren Radwegebau. Ein wesentliches Handlungsfeld ist die Ausweisung von Fahrradrouten; so wurden radfahrtaugliche Nebenstraßen als Veloroute-Ost und -Süd beschildert. Das vorhandene Straßensystem - Ringe um die Kern- und Innenstadt, Radialen als Einfallstraßen - erfordert keine zusätzlichen Radwege. Stattdessen soll die Netzdurchlässigkeit verbessert und der Radverkehr abseits der Hauptverkehrsstraßen über schwach belastete Straßen, durch Wohngebiete und Tempo 30-Zonen, auf eigenständigen Radwegen oder Fahrradstraßen geführt werden.

Zur Entwicklung eines dichten und geschlossenen Radverkehrsnetzes wurden bislang drei Straßenzüge als Fahrradstraßen ausgewiesen.

Mit Ausnahme der Hauptgeschäftsstraßen ist das Radfahren in der Fußgängerzone mittlerweile ganztägig oder zumindest mit dem Lieferverkehr zulässig. Darüber hinaus hat die Stadt die Einbahnstraßen ohne Parkbedarf in Gegenrichtung für den Fahrradverkehr freigegeben. Hierbei handelt es sich stets um sehr enge innerstädtische Straßen, in denen nur geringe Fahrgeschwindigkeiten möglich sind und die Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer sich gegenseitig erkennen können.

Weitere Aufgabenfelder sind die Verbesserungen der Radwegeführung an Knotenpunkten und die Installation von Radfahrampeln. Alle wichtigen Kreuzungen werden auf mögliche Maßnahmen untersucht. Dann sollen kostengünstige Markierungen von Streifen, Furten, farbigen Querungshilfen, Radfahrschleusen und Wartelinien durchgeführt werden. Die Signalschaltungen wurden auf Verkehrsabhängigkeit und mit ÖPNV-Beschleunigung überarbeitet, sowie Vorlaufschaltungen und längere Grünzeiten für Fußgänger und Radfahrer eingearbeitet und getrennte Fahrradsignalgeber nachgerüstet.

Vorhandene ältere Fahrradabstellanlagen werden nach und nach auf Anlehnbügel umgestellt. Da die im Bereich des Stadtkerns vorhandenen 700 Stellplätze nicht dem Bedarf entsprechen, sind zusätzliche Anlagen langfristig vorgesehen. Im Bahnhofsbereich wurden im Zuge der Anlage eines Park + Ride-Parkplatzes schon 100 überdachte Abstellplätze und 34 Fahrradboxen erstellt. Auch bei der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes sind 1999 dann noch weitere Anlehnbügel eingebaut worden. Nach langjähriger Planungsphase konnte im Jahr 2002 die Radstation am Mindener Bahnhof von der Stadt Minden gebaut werden. Seit Januar 2003 wird sie von einem Mindener Fahrradhändler betrieben und bietet neben den 400 Stellplätzen auch Serviceleistungen wie Fahrradverleih und Reparaturen an.

Radstation Minden

Öffentlichkeitsarbeit

Um die Partnerschaft im Straßenverkehr zu unterstützen und die gegenseitige Rücksichtnahme zu fördern, werden die Maßnahmen der Radverkehrsförderung, soweit finanziell möglich, von einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Als wirksame Werbeaktion für das Fahrrad haben sich die Mindener Fahrrad-Aktionstage bewährt, die seit 1996 von der Stadt veranstaltet werden und z. Zt. im 2-Jahresrythmus stattfinden. Ebenso finden Malwettbewerbe in Schulen mit den Themen: "Fahrrad und Verkehrssicherheit" statt und jeweils im Herbst wird gemeinsam mit dem ADFC und der Radstation eine Beleuchtungsaktion Mit Reparaturangebot für Fahrräder durchgeführt.

Ausblick

Trotz schwieriger finanzieller Situation der Stadt Minden (langjähriges Haushaltssicherungskonzept) ist die Förderung des Fahrradverkehrs ein besonderes Anliegen der Stadt. Mit einfachen Mitteln wie Ausweisung von Tempo 30-Zonen, von verkehrsberuhigten Zonen in Neubaugebieten und Öffnen von Einbahnstraßen für den Radverkehr werden die vorhandenen Lücken im Radwegenetz geschlossen. Es wird ein fahrradfreundliches Klima geschaffen und der Umstieg vom Auto zum Fahrrad so erleichtert. Um die Vorteile und nicht ausgeschöpften Potentiale des Radverkehrs noch stärker zu nutzen, soll zukünftig vor allem die Öffentlichkeitsarbeit, allerdings ohne den Einsatz großer Finanzmittel, intensiviert werden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung und Propagierung des Fahrradtourismusses, der insbesondere auf dem durch Minden führenden Weserradweg stattfindet. Aber auch die über 320 km lange Westfälische Mühlenroute mit über 40 Wasser-, Wind- und Rossmühlen bietet Radtouristen attraktive Ziele. Radwanderer werden über Wegweisung in die historische Altstadt geleitet und können ihre Fahrräder mit Gepäck kostenlos in der Rathaustiefgarage abstellen. Für die Planung einer städtischen Radwegweisung stehen kurzfristig keine Haushaltsmittel zur Verfügung; dies ist mittel-/langfristig jedoch erforderlich und wird auch angestrebt. Zur Zeit arbeitet die Verwaltung der Stadt Minden zusammen mit den Teilnehmern der Profjektgruppe "Fahrradförderung Minden" an einem übergreifenden Radverkehrskonzept, das dann regelmäßig fortgeschrieben werden und vor allem der Durchführungskontrolle dienen soll.