Stadt Herford - Eine Zwischenbilanz

Die über 1200 Jahre alte ehemalige Hansestadt Herford liegt im ostwestfälischen Ravensberger Hügelland zwischen Teutoburger Wald, Weser und Wiehengebirge. Die etwa 67.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Kreisstadt ist Kultur- und Dienstleistungszentrum der Region mit einem Einzugsbereich von rund 150.000 Menschen. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung wohnen in einem Umkreis von drei Kilometern zum Stadtzentrum. Während die Herforder Innenstadt im Flußtal der Werre und ihrer Nebenflüsse liegt und relativ eben ist, steigt die Topografie bei Höhenunterschieden von fast 200 Metern stadtauswärts in östlicher und westlicher Richtung an. Das Freizeitangebot für Radfahrerinnen und Radfahrer ist groß: Neben mehreren Kreisradwegen und überörtlichen Fahrradrouten führen vier städtische Freizeitrouten durch das Herforder Stadtgebiet.

Planungsgeschichte und Zielvorstellungen

Parallel zur Aufnahme ins Landesprogramm "Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen" begann die Stadt Herford 1989 damit, ein Radverkehrsnetz für den Alltagsverkehr zu planen. Eine differenzierte Mängelanalyse ergab, daß wichtige Alltagsrouten entweder neu erstellt oder durch Mängelbeseitigung alltagstauglich umgestaltet werden müssen. Für Sanierung und Ausbau des Radverkehrsnetzes ermittelten die Verkehrsplaner seinerzeit Finanzierungskosten von insgesamt 26 Millionen Mark.

Im Rahmen des Modellvorhabens sollte der Radverkehr nicht nur als gleichberechtigtes Verkehrsmittel berücksichtigt, sondern aus ökologischen und ökonomischen Gründen besonders gefördert werden. Das im Verkehrsentwicklungsplan der Stadt Herford von 1991 enthaltene Leitbild für den Radverkehr zielt auf eine stadtverträgliche Mobilität - unter besonderer Berücksichtigung des historischen Stadtgrundrisses. Der Erlebniswert der Stadt soll insbesondere durch die Stärkung und Aktivierung des Umweltverbundes erhöht werden. Vorrangiges Ziel des Modellvorhabens ist es, den Anteil des Radverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen deutlich zu steigern.

Dazu sollen

  • die vorhandenen Radverkehrsanlagen verbessert und komfortabler gestaltet,
  • neue Radwege gebaut und Netzlücken geschlossen,
  • der Fahrradverkehr insgesamt aktiviert,
  • das Modellvorhaben öffentlichkeitswirksam präsentiert und die Vorteile der Fahrradnutzung dargestellt und
  • das Image der Radfahrer - z. B. im Miteinander mit Fußgängern bei gemeinsamer Nutzung der Verkehrsfläche - verbessert werden.

Örtliche Handlungsschwerpunkte

Dem Modellvorhaben zur Förderung des Radverkehrs war eine Planungsphase vorgeschaltet, die im wesentlichen drei Aufgabenbereiche umfaßte:

  • die Grundlagenermittlung mit Überarbeitung und Vervollständigung des vorhandenen Radwegenetzplanes und die Erarbeitung eines Stufenplanes bzw. einer Prioritätenliste für die Durchführung der Maßnahmen,
  • eine wissenschaftliche Begleitunter-suchung einschließlich Betreuung und Bewertung der Planungsphase und
  • der Entwurf eines Marketing- und Kommunikationskonzeptes für eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit.

Nach Abschluß der Planungsphase begann die Realisierung einzelner Projekte. Neben dem klassischen und kostenintensiven Radwegebau versuchte die Stadt Herford von Anfang an, den Radverkehr auch mit einfachen Mitteln und geringem Aufwand zu fördern. In den letzten neun Jahren setzte die Stadt Herford folgende Maßnahmen des Radwegeprogramms um:

  • An und auf Herforder Straßen sind knapp acht Kilometer Bordsteinradwege (im Rahmen des Neu- bzw. Rückbaus von Hauptverkehrsstraßen), über sieben Kilometer Radfahrstreifen, rund 800 Meter Schutzstreifen, mehr als neun Kilometer gemeinsame Fuß- und Radwege und über drei Kilometer Fahrradstraßen entstanden. Darüber hinaus wur-den zahl-reiche Detaillösungen zur Beseitigung von Unfallschwerpunkten entwickelt und realisiert.
  • Bis heute sind 15 Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr freigegeben.
  • Im Stadtgebiet gibt es zahlreiche neue, hochwertige Fahrradabstellanlagen. Am Bahnhof entstanden 170 Stellplätze, davon 130 überdacht, im übrigen Stadtgebiet rund 150 Stellplätze, davon 24 überdacht. Zur Zeit befinden sich sechs Abstellanlagen mit 68 überdachten Stellplätzen in Aufstellung.
  • Darüber hinaus erarbeitete die Stadt Herford ein Wegweisungssystem für das gesamte Stadtgebiet. Vom Innenstadtwall ausgehend sind sogenannte Radverkehrsrouten beschildert und in verschiedenen Farben kenntlich gemacht.
  • Als weitere Maßnahmen sind die Neuaufteilung der Fahrbahnen des Innenstadtrings durch Markierungen und die Verbesserung der ergänzenden Radverkehrsinfrastruktur geplant. Hierzu zählen der Bau weiterer überdachter Fahrradabstellanlagen und die Einrichtung einer Fahrradsta-tion am Herforder Bahnhof im Rahmen des Programmes "100 Fahrradstationen in Nordrhein-Westfalen".

Öffentlichkeitsarbeit

In Herford wird einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit genauso viel Bedeutung beigemessen wie dem Netzausbau. Die Stadt beauftragte daher eine Werbeagentur mit der Erarbeitung und Durchführung einer Werbekampagne. Ihre Aufgabe war es, das Fahrrad zu einem Sympathieträger und selbstverständlichen Verkehrsmittel bei gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz aller Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer zu machen.

Die Werbeagentur prägte das Motto "Herford ... mit dem Fahrrad" als immer wiederkehrende, zentrale Aussage mit unterschiedlichen Ergänzungen ("Steigen Sie auf!" oder "Wieso nicht."). Plakataktionen mit dem Slogan "Brauchen auch Sie Ihr Auto immer noch als Statussymbol?" oder "Gehören Sie etwa auch zu den Menschen, denen Prestige wichtiger ist als die Sicherheit unserer Kinder?" sollten Autofahrerinnen und Autofahrer sanft provozieren. Das Maßnahmenspektrum umfaßte darüber hinaus Poster, Fotowettbewerbe, Malaktionen, Umfragen, Handzettel, Presseartikel, einen Kinospot und eine abschließende Dokumentation.

Begleituntersuchung

Die Stadt Herford hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen zur Förderung und Sicherung des Radverkehrs umgesetzt. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen wurden im Frühjahr 1997 im Rahmen von Zählungen, Unfallanalysen und Befragungen untersucht. Die Auswertung der Radverkehrszählung erfolgte auf der Grundlage einer Vergleichserhebung aus dem Jahr 1988. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Insgesamt ist eine Zunahme des Radverkehrs um ca. 18 Prozent gegenüber 1988 festzustellen.
  • Die Zählungen im Verlauf ausgewiesener Radverkehrsrouten weisen mit über 30 Prozent eine deutlich überproportionale Steigerung des Radverkehrs auf.
  • Der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr hat sich von etwa sieben auf jetzt über acht Prozent erhöht.

Die auf der Basis polizeilicher Unfalldaten durchgeführte Unfallanalyse kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • Die Anzahl der Unfälle mit Radfahrerbeteiligung im Stadtgebiet Herford ist zwischen 1987 und 1996 relativ konstant geblieben. Der Anteil der Schwerverletzten ging zurück. In den letzten drei Jahren verunglückte kein Radfahrer tödlich.
  • Bei 81 Prozent aller polizeilich erfaßten Unfälle mit Radfahrerbeteiligung kommt es zur Konfrontation zwischen Kraftfahrzeugen und Radfahrern. Haupt---Unfallverursacher sind zu rund zwei Dritteln die Kfz-Führer.
  • Das Unfallgeschehen hat sich seit 1988 örtlich verlagert. Strecken mit aktuellen Maßnahmen zur Radverkehrsförderung und -sicherung weisen meist eine positive Unfallentwicklung auf.

Die schriftliche Befragung von rund 2.500 Haushalten ergab bei insgesamt knapp 1.100 auswertbaren Fragebögen folgende Einschätzungen:

  • Die Fahrradnutzung hat bei 36 Prozent der Befragten in den letzten fünf Jahren zugenommen, bei 18 Prozent abgenommen.
  • Als wichtigste Gründe für die Zunahme wurden mehr Radwege und Radfahrstreifen, persönliche Gründe und die gestiegene Radverkehrssicherheit genannt.
  • Etwa drei Viertel aller Befragten meinen, daß sich die Radverkehrssituation in Herford in den letzten fünf Jahren verbessert hat. Besonders die Vielfahrer haben diese Verbesserungen wahrgenommen.
  • Radfahrstreifen (95 Prozent), neue Radwege (85 Prozent) und die Wegweisung (87 Prozent) sind die bekanntesten Maßnahmen. Vergleichsweise unbekannt ist dagegen die Mitnahme von Fahrrädern im Bus (46 Prozent). Gelegenheitsfahrern sind unechte Einbahnstraßen, Fahrradstraßen und neue Fahrradabstellanlagen deutlich weniger bekannt als Vielfahrern.
  • Verbesserungswünsche konzentrieren sich sehr stark auf den Bau neuer und die Verbesserung bestehender Radwege.

Ausblick

Die Anstrengungen und Investitionen der Stadt Herford zur Förderung des Radverkehrs zeigen deutliche Erfolge:

  • Es fahren mehr Herforder Bürgerinnen und Bürger mit dem Rad!
  • Die ausgewiesenen Fahrradrouten werden sehr gut angenommen!
  • Im Verhältnis zur stärkeren Fahrradnutzung ist das Radfahren sicherer geworden!
  • Die realisierten Maßnahmen werden überwiegend positiv bewertet!

Die - absolut gesehen - verhältnismäßig geringe Zahl an Radfahrerinnen und Radfahrern zeigt aber, daß weiterer Handlungsbedarf besteht. Herford hat durchaus das Potential für eine weitere Zunahme des Radverkehrs.