Eine Zwischenbilanz

Seit fast 700 Jahren ist Euskirchen Mittelpunkt der Region. Im Städtedreieck zwischen Köln, Bonn und Aachen, verkehrlich optimal erschlossen, entwickelte sich Euskirchen vom einstigen Textil- und Ackerbürgerstädtchen zum Handels-, Dienstleistungs- und Behördenzentrum. Dabei schätzen die insgesamt 52.000 Einwohnerinnen und Einwohner sowohl das geschäftige Treiben der Kernstadt, als auch die reizvolle Landschaft der Umgebung. Von der langen Geschichte Euskirchens zeugen heute noch das Straßennetz und das Stadtbild mit seinen Kirchen, Gründerzeithäusern und Teilen der alten Stadtbefestigung sowie die Wasserburgen der umliegenden Ortsteile. Die Kreisstadt zwischen Rhein und Eifel ist seit April 1996 Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der fahrradfreundlichen Städte und Gemeinden Nordrhein-Westfalens.

Planungsgeschichte und Zielvorstellungen

Die Euskirchener Siedlungsstruktur ist für die Förderung des Radverkehrs Chance und Problem zugleich:

Die Innenstadt, in der mehr als die Hälfte aller Bewohnerinnen und Bewohner leben, ist ringförmig um den kompakt bebauten historischen Ortskern gewachsen. So beträgt die maximale Entfernung von der Fußgängerzone zu den angrenzenden Wohngebieten hier nur zwei Kilometer.

Das Stadtgebiet dehnt sich über eine Fläche von ca. 140 Quadratkilometern aus. Die insgesamt 20 Ortsteile liegen dabei in einer Entfernung von bis zu sieben Kilometern um die Kernstadt herum. Während die Innenstadt also von Anfang an ideale Voraussetzungen für Fußgänger und Radfahrer bot, bereitete die Flächenerschließung des Umlandes größere Schwierigkeiten. Neben der optimalen Erreichbarkeit der Innenstadt für den Radverkehr zielen die Bemühungen der Stadt Euskirchen daher auf den Anschluß der Ortsteile an die Kernstadt. Zur Lösung der Probleme setzt die Stadt schon seit einigen Jahren verstärkt auf den Umweltverbund.

Örtliche Handlungsschwerpunkte

Umweltverbund

Als einen wichtigen Baustein zur Stärkung des Umweltverbundes führte die Stadt Eus-kirchen 1996 ein Stadtbussystem ein. Bei der Konzeption der Busse wurde darauf geachtet, daß Fahrräder im Bus mitgenommen werden können. Das neue Angebot wird von der Bevölkerung sehr stark genutzt. Der Stadtbus fährt auf seinen acht Linien innerstädtisch und auch zu den Ortsteilen im 15-Minuten-Takt. Er erreicht nahezu alle Ortsteile und schafft hierdurch gleiche Mobilitätsbedingungen.

Der Radverkehr ist wichtiger Bestandteil des Umweltverbundes. Zur Verknüpfung von Fahrrad und ÖPNV erarbeitete die Stadt ein Fahrradabstellkonzept, das nach und nach umgesetzt wird. Das Spektrum der Abstellanlagen ist dabei sehr vielfältig: Es reicht von kleineren Einrichtungen an Bushaltestellen in den Ortsteilen bis hin zu überdachten Großanlagen an den fünf DB-Haltepunkten. Das Konzept beinhaltet aber nicht nur Bike + Ride-Anlagen. In der Kernstadt von Euskirchen werden an allen wichtigen Zielpunkten Abstellanlagen installiert: z. B. in der Fußgängerzone, vor dem Kinocenter, dem Rathaus oder der Stadtbibliothek.

Die Möglichkeiten des Umweltverbundes sind bislang aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Insbesondere die hohen Pendleranteile in die benachbarten Großstädte Köln und Bonn stellen noch erhebliche Potentiale dar. Die Stadt hat diese Chance erkannt und arbeitet kontinuierlich an der Verbesserung der Bedingungen für den Umweltverbund.

Erschließung der Innenstadt

Bedingt durch die mittelalterliche Stadtstruktur besteht das Euskirchener Straßennetz aus Ring- und Radialstraßen. Da an diesen Hauptverkehrsstraßen viele Zielpunkte wie Behörden, Schul- und Freizeiteinrichtungen liegen, werden sie natürlich auch von Radfahrerinnen und Radfahrern genutzt. Um die Probleme zwischen Kfz- und Radverkehr zu entschärfen und die Erreichbarkeit der Kernstadt für den Radverkehr zu verbessern, begannen das Rheinische Straßenbauamt Euskirchen - als zuständiger Straßenbaulastträger für die Bundesstraßenabschnitte - und die Stadt Euskir-chen im Rahmen eines Sofortmaßnahmenprogrammes bereits 1993, Schutzstreifen auf diesen Straßen zu markieren.

Versuchsweise wurden die Schutzstreifen auch auf dem 3,5 Kilometer langen Abschnitt der stark belasteten Bundesstraße 56/266 markiert, die als nördlicher Teil der Ringstraße um die Kernstadt herumführt. Der Versuch gelang - die Radverkehrsführung ist heute als Dauerlösung fester Bestandteil des Eus-kirchener Radverkehrsnetzes. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die effektive Zusammenarbeit der verschiedenen Baulastträger. Das vielerorts geforderte "über den Tellerrand schauen" wird in Euskirchen seit Jahren praktiziert.

Neben der Markierung von Schutzstreifen auf Hauptverkehrsstraßen (einschließlich direkter Linksabbiegespuren und vorgezogener Schutzstreifen an Kreuzungen) ist im Innenstadtbereich die flächendeckende Öffnung der Einbahnstraßen geplant bzw. zum Teil bereits umgesetzt. Die Fußgängerzone wurde für Radfahrerinnen und Radfahrer geöffnet. Diese Maßnahmen sollen das enge und verwinkelte Straßennetz für den Radverkehr durchlässiger gestalten.

Anschluß der Ortsteile an die Kernstadt

Parallel zur Radverkehrsförderung in der Innenstadt versucht die Stadt, den Anschluß der 20 Ortsteile an die Kernstadt und auch untereinander zu verbessern. Dabei entwickelten die Verkehrsplaner unterschiedliche Lösungsansätze: Wichtige außerörtliche Hauptverkehrsstraßen wurden mit straßenbegleitenden Zweirichtungsradwegen ausgestattet. Gleichzeitig wurden aber auch zahlreiche Wirtschaftswege ausgebaut und instandgesetzt. Dabei konnten viele Netzlücken geschlossen und die Verknüpfung mit dem Innenstadtnetz sichergestellt werden. Eine geplante Fahrradwegweisung soll sowohl im Alltags- als auch im Freizeitverkehr auf die neuen Radwege aufmerksam machen.

Die Verbindungen zwischen den einzelnen Ortsteilen sind von besonderer Bedeutung, da in den kleineren Dörfern keine Geschäfte mehr vorhanden sind und die Bewohnerinnen und Bewohner die Infrastruktur der größeren Ortsteile und der Kernstadt mitbenutzen müssen. Die Verknüpfung erfolgt größtenteils über klassifizierte Straßen - hier entstanden bis heute 26 Kilometer straßenbegleitender Radwege. Ziel ist es, langfristig alle Ortsteile durch Radverkehrsanlagen oder Wirtschaftswege untereinander zu verknüpfen und an die Innenstadt anzubinden. Derzeit sind bereits 12 Ortsteile über entsprechende Wege sicher und bequem erreichbar.

Fahrradtourismus

Das dichte Netz landwirtschaftlich genutzter Wege ist nicht nur für die Verknüpfung der Ortsteile wichtig, sondern stellt auch ein großes Kapital für den Fahrradtourismus dar. Euskirchen ist für viele Erholungssuchende Ausgangspunkt von Radtouren in reizvolle Landschaften: die offene hügelige Landschaft der Zülpicher Börde, die Wälder am Rand der Nordeifel und das Erholungsgebiet Steinbachtalsperre.

Besonderheit dieser Gegend sind die zahlreichen Wasserburgen und Herrensitze - in fast jedem Ortsteil Euskirchens steht eine Sehenswürdigkeit. Anlaß genug, eine "Burgenfahrt" mit dem Fahrrad zu organisieren. Seit 1991 veranstaltet die Stadt jährlich eine Radtour mit wechselnder Streckenführung zu den umliegenden Burgen. Abgerundet durch ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm ist dieser "Radtourtag" am letzten Sonntag vor den Sommerferien fester Bestandteil im Veranstaltungskalender der Stadt.

Zukünftig wird der Radtourismus im Euskirchener Förderprogramm einen noch höheren Stellenwert einnehmen. Die schon erwähnte Fahrradwegweisung, die auch die Radwanderwege des Kreises enthält, ist in Arbeit. Darüber hinaus plant die Stadt die Herausgabe eines Fahrradstadtplanes. Eine neue Auflage der Kreisradwanderkarte erschien im Sommer 1998. Hinzu kommen Tourentips in die nähere und weitere Umgebung der Stadt (Wasserburgenroute oder Erftmühlenbachroute).

Öffentlichkeitsarbeit

Die Stadt Euskirchen legt großen Wert darauf, daß die guten Ideen auch nach außen getragen werden. Insbesondere bei kontrovers diskutierten Maßnahmen kommt der Öffentlichkeitsarbeit eine besondere Bedeutung zu. So wurde z. B. bei der Öffnung der Fußgängerzone für den Radverkehr mit dem Slogan "Neue Gäste in der Fußgängerzone" in Faltblättern, auf Postern und in Pressemitteilungen auf die neue Situation hingewiesen und zugleich für ein partnerschaftliches Verhalten im Straßenverkehr geworben.

Als Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit sind natürlich auch die beiden Fahrradbeauftragten zu sehen. Sie kümmern sich um sämtliche Belange der Radfahrerinnen und Radfahrer und sind für alle Interessierten erste Anlaufstelle in Sachen Radverkehr.

Organisatorische Rahmenbedingungen

In der Verwaltung besteht seit Anfang 1995 die ämterübergreifende „Arbeitsgemeinschaft Radverkehr“. Hier werden in Zusammenarbeit mit der Polizei, dem ADFC, externen Planungsbüros und den Straßenbaulastträgern sämtliche Planungen erörtert und umgesetzt. Der kurze Entscheidungsweg beschleunigt die Radverkehrsförderung und macht sie effektiver. Politisches Pendant ist der Radverkehrsausschuß, der sich als entscheidungsbefugtes Gremium ausschließlich mit Fragen des Radverkehrs befaßt. Damit ist sichergestellt, daß auch in der Politik genügend Raum ist, Fragen der Radverkehrsförderung ausführlich zu diskutieren. Diese organisatorischen Voraussetzungen tragen erheblich zur Erhöhung der Akzeptanz des Förderprogrammes bei.

Ausblick

Die kompakt bebaute Innenstadt und die weit verstreut liegenden Ortsteile geben auch weiterhin die Marschroute für die Förderung des Radverkehrs vor. Neben dem weiteren Ausbau der Hauptrouten plant die Stadt Euskirchen in nächster Zeit verstärkt die Umsetzung des Fahrradabstellprogrammes und Maßnahmen zur Erhöhung der Durchlässigkeit für den Radverkehr (Öffnung von Einbahnstraßen und Sackgassen) sowie eine flächendeckende Einrichtung von Tempo 30-Zonen.

Euskirchen hat in der Vergangenheit konsequent daran gearbeitet, eine größtmögliche Ausschöpfung aller Radverkehrspotentiale zu erreichen. Dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern.