Stadt Bonn - Eine Zwischenbilanz

Bonn liegt nördlich des Siebengebirges und an der Südspitze der Kölner Bucht. Die Stadt mit rund 310.000 Einwohner-innen und Einwohnern ist nach wie vor politische Schaltzentrale Deutschlands: UN-Stadt, Bundesstadt mit auch künftig sechs Ministerien und zahlreichen weiteren Bundesinstitutionen, Wissenschaft und Forschung mit Spitzenniveau, Hochburg der Telekommunikation und Zentrum für internationale Zusammenarbeit. Die Perspektiven des über 2000-jährigen Bonns sind auch in Bezug auf die Verkehrsentwicklung günstig. Schon seit Jahren setzt die Stadt auf ein ökologisch und städtebaulich orientiertes Konzept, in dem das Fahrrad als wichtiger Baustein im Umweltverbund eine zentrale Rolle spielt.

Planungsgeschichte und Zielvorstellungen

Die Förderung des Fahrradverkehrs hat in Bonn schon seit vielen Jahren einen hohen verkehrs- und umweltpolitischen Stellenwert. Ziel der Radverkehrspolitik ist es, möglichst viele Autofahrten im Kurz- und Mittelstreckenbereich durch Fahrradfahrten zu ersetzen. Die Fahrradförderung ist in eine ökologisch und städtebaulich orientierte Verkehrsentwicklungsplanung integriert. Auf diese Weise soll eine optimale Kombination von Fußgängerverkehr, Fahrradverkehr, öffentlichem Nahverkehr und unvermeidbarem motorisierten Individualverkehr erreicht werden. Bausteine auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Stadt Bonn sind:

  • Radfahrstreifen an Hauptverkehrsstraßen für eine schnelle, direkte und sichere Führung vor allem in Knotenpunktbereichen,
  • Schutzstreifen, wenn der Platz für ausreichend breite Radfahrstreifen fehlt,
  • markierte Fahr- und Abbiegespuren in Knotenpunkten, die gute Sichtkontakte zwischen Autofahrern und Radfahrern ermöglichen,
  • Fahrradstraßen, auf denen Radfahrer gegenüber Autofahrern Vorrang haben,
  • Kombispuren für Fahrräder, Taxen und Linienbusse, wenn die Breiten für getrennte Sonderfahrstreifen fehlen,
  • sichere Querungshilfen bei wichtigen Radrouten und im Bereich von Hauptverkehrsstraßen,
  • fahrradfreundliche Verkehrs- und Ampelregelungen,
  • Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung,
  • weitere Verbesserungen wie diebstahlsichere Abstellanlagen, Bordsteinabsenkungen, Öffnung von Sackgassen, Beschilderungen, Bike + Ride-Anlagen an Stadtbahnhaltestellen,
  • Fahrradstation am Hauptbahnhof.

Örtliche Handlungsschwerpunkte

Der Schutzstreifen

Häufig reicht die vorhandene Verkehrsfläche in Bonn nicht aus, um Radwege zu bauen oder durch Abmarkierung auf der Fahrbahn auszuweisen. Um den Radfahrerinnen und Radfahrern aber dennoch deutlich sichtbare Fahrbahnflächen zuzuweisen, wurde im Mai 1992 auf der Meckenheimer Allee - einer Hauptverkehrsstraße mit 15.000 Kfz und 9.000 Radfahrern pro Tag, 22 Linienbussen in der Stunde und einem belebten städtebaulichen Umfeld (viele Universitätseinrichtungen) - erstmalig ein Schutzstreifen markiert. Bevor eine breitere Anwendung von Schutzstreifen empfohlen werden konnte, forderten Politiker, Bürgerinnen und Bürger sowie Interessenverbände, Schutzstreifen im Rahmen einer Versuchsphase zu erproben und ihre Wirkungen zu untersuchen. Ein Gutachten über die Maßnahme auf der Meckenheimer Allee kam zu eindeutigen Ergebnissen:

  • Vom fließenden Kfz-Verkehr wurde der Schutzstreifen in hohem Maße akzeptiert.
  • Mit der Einrichtung der Schutzstreifen konnten das Konfliktpotential vermindert und die Sicherheit für Radfahrerinnen und Radfahrer deutlich verbessert werden.
  • Der Einfluß des Radverkehrs auf den Ablauf des Busverkehrs ist deutlich geringer.

Die positiven Erfahrungen auf der Mecken-heimer Allee führten zur Erstellung eines Schutzstreifen-Programms, das 1994 vom Rat der Stadt beschlossen wurde. Dieses Programm ist heute weitgehend umgesetzt. Die Schutzstreifen auf Bonner Straßen haben bis Mitte 1998 eine Länge von mehr als 12 Kilometer erreicht. Die Bonner Vorgehensweise mit ihren positiven Auswirkungen hat sicher dazu beigetragen, daß diese Markierungsform 1997 in die Straßenverkehrsordnung übernommen wurde.

Wegweisung

In den letzten Jahren hat die Stadt Bonn ein Kataster für 9 Radrouten im Bonner Stadtgebiet erstellt und die Beschilderung dieser Routen schon zum Teil umgesetzt. Ein Teil dieser geplanten Beschilderung wird nun im Rahmen der Umsetzung des landesweiten Radverkehrsnetzes im Jahr 2002 installiert.

Öffentlichkeitsarbeit

Bonn hat sich durch das Schutzstreifen-Programm und eine engagierte Öffentlichkeitsarbeit inzwischen landesweit als Fahrradstadt einen Namen gemacht.

Ein Fahrradbeauftragter sorgte schon seit 1981 dafür, daß die Zielvorstellungen zur Förderung des Radverkehrs konsequent und effektiv in die Praxis umgesetzt werden. Inzwischen ist eine Mitarbeiterin im Planungsamt Ansprechpartnerin für Fragen des Radverkehrs. Sie steht den Bonnerinnen und Bonnern als Ansprechpartnerin in allen Belangen rund um´s Rad zur Verfügung.

Bonn ist Veranstaltungsort zahlreicher Kongresse und Tagungen gewesen. Von großer Bedeutung war dabei der zweitägige Bonner Fahrradkongreß, der in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport und dem ADFC bislang viermal stattfand: 1991 unter dem Motto "Die Zukunft des Stadtverkehrs - Mensch-Umwelt: Fahrrad", 1993 zum Thema "Menschen- und umweltgerechter Stadtverkehr - Vorfahrt für Bahn, Bus und Rad" und 1997 unter dem Leitgedanken "Fahrrad: Wege aus der Immobilität" und 1999 unter dem Motto "Radverkehr fördern - Wirtschaft umweltgercht entwickeln." Die Bonner Fahrradkongresse fanden bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem In- und Ausland ein ausgesprochen positives Echo.

Ende 1996 wurde der Entwurf des Logos "Bonn - Fahrradfreundliche Stadt" in einem Ideenwettbewerb an Fachhochschulen und Technischen Hochschulen öffentlich ausgeschrieben. Unter 112 eingereichten Arbeiten entschied sich die Jury für den Vorschlag eines Aachener Studenten. Acht Preise wurden weiteren Vorschlägen zugesprochen. Mittlerweile prangt das Logo auch auf Pins, Caps, Taschen und T-Shirts.

Fahrradparken

Zur Zeit gibt es in Bonn insgesamt mehr als 4.400 Fahrradständer, die zum Teil einer Werbefirma gehören und auch von dieser betreut werden. Die Aufstellung privater Fahrradständer im öffentlichen Verkehrsraum ist grundsätzlich nur über einen Vertrag mit der Werbefirma möglich, die die Aufstellung, Wartung und Haftung übernimmt. Die Kosten für Anschaffung und Aufstellung trägt der Antragsteller. 1995 wurde die erste private Fahrradabstellanlage eingeweiht. Das Besondere daran ist, daß die Anlage auf einer zuvor als Autoparkplatz genutzten Fläche aufgestellt wurde. Das Beispiel fand zahlreiche Nachahmer: Inzwischen sind zahlreiche privat finanzierte Ständer hinzugekommen.

Radstation

Lange Zeit bereitete die Stellplatzsituation am Bonner Hauptbahnhof große Probleme. Hier gab es viel zu wenig Abstellplätze, um den Bedarf der großen Anzahl von Bahnpendlern zu decken. Nach langwierigen Verhandlungen der Entwicklungsagentur des ADFC gelang im September 1997 der Durchbruch: Die Deutsche Bahn AG stellte der Stadt Bonn ihr ehemaliges Expreßgut-Gebäude kostenlos zur Einrichtung einer Fahrradstation zur Verfügung. Im Juni 2000 wurde die neue Radstation mit rund 330 Fahrradständern eingeweiht, die inzwischen einen sehr hohen Auslastungsgrad um die 100 % erreicht hat. Diese Fahrradstation ist als Provisorium geplant worden, langfristig ist im Rahmen der Neuordnung des Bahnhofsbereichs eine "große Lösung" mit rund 1.000 Abstellplätzen geplant.

Radtourismus

Die Stadt Bonn hat ihre Aktivitäten zur Förderung des Radtourismus in jüngster Vergangenheit kontinuierlich ausgebaut:

Im Frühjahr 1997 erarbeitete das Amt für Wirtschaftsförderung und Tourismus in Zusammenarbeit mit Stadtplanungsamt, Presseamt und ADFC einen "Touristischen Radführer". Dieser Faltplan beschreibt die rheinbegleitenden Radrouten und vier Radrundwege mit entsprechenden Sehenswürdigkeiten. Zudem gibt er Tips für Ausflüge und Hinweise auf Gaststätten und Hotels. 1998 erschien der aktualisierte Radroutenplan mit touristischen Rundrouten.

Im Jahr 2000 hat das Stadtplanungsamt vier neue Faltblätter zu touristischen Rundrouten herausgebracht: Museumsroute, Rheindorfer Route, Bundesviertel und Bad Godesberg und Fahrradralley für Kinder in der Nordstadt.

Die Arbeitsgruppe "Verkehrskonferenz Rheinschiene", in dem die Städte Duisburg, Düsseldorf, Köln und Bonn vertreten sind, entwickelte 1996 in Zusammenarbeit mit einem Gutachter den "Erlebnisweg Rheinschiene" - ein städteübergreifendes Tourismuskonzept im Umweltverbund. Hier werden Radfahren und ÖPNV, Tourismus und Naherholung, Naturerlebnis und Kultur der Rheinschiene miteinander verknüpft. Unter Federführung der Stadt Bonn hat die detaillierte Planung (Beschilderung und Radwege) und die Erstellung eines touristischen Angebotes begonnen. Für die Entwicklung dieser Route, die 1999 eingeweiht wurde, hat die Stadt Bonn den Rheinland-Award erhalten.

Bonn war auch an der Planung und Realisierung der Wasserburgen-Route beteiligt, die im Frühjahr 1998 eröffnet wurde. Dieser außergewöhnliche touristische Radweg entstand in regionaler Zusammenarbeit zwischen dem Rhein-Sieg-Kreis, dem Erftkreis, den Kreisen Euskirchen, Düren und Aachen sowie den Städten Aachen und Bonn.

Ausblick

Zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft der fahrradfreundlichen Städte und Gemeinden im März 1995 hatte das Bonner Radwegenetz eine Gesamtlänge von 226,5 Kilometern. Davon entfielen rund 49 Prozent auf ausgebaute Radwege, etwa 40 Prozent auf beschilderte Radwege und knapp 11 Prozent auf markierte Radwege. Damit war fast ein Drittel aller Bonner Straßen mit Radwegen versehen. Seit dieser Zeit ist das Netz um knapp 24 Kilometer auf rund 250 Kilometer angewachsen. Der größte Zuwachs ist bei den Markierungen zu verzeichnen, hierbei wiederum hat die Einrichtung von Schutzstreifen den größten Anteil. Die Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur hat in der Stadt Bonn zu einer gestiegenen Nutzung des Fahrrades geführt. Nach einer vergleichenden Untersuchung von Socialdata in den Jahren 1991 und 1999 ist der Anteil des Radverkehrs am Modal Split in diesem Zeitraum von 13 % auf 17 % angestiegen.

Damit das Fahrrad eine echte Alternative zum Auto werden kann, wird die Stadt Bonn auch zukünftig vielfältige Anstrengungen unternehmen, um die Bedingungen und das Umfeld für das Fahrradfahren nachhaltig zu verbessern. Der Ausbau des Radwegenetzes und der dazugehörigen Infrastruktur wird in den nächsten Jahren Schritt für Schritt weiter umgesetzt.