AGFS-Exkursion 2015 nach Kopenhagen

Um – im wahrsten Sinne des Wortes – zu erfahren wie Stadträume und Verkehrsinfrastruktur gestaltet sein müssen, damit Menschen in ihrem Alltag körperaktiv mobil sind, in ihrem direkten Umfeld Sport treiben und so ihre Gesundheit fördern, führte die AGFS-Exkursion am 5. und 6. Mai nach Kopenhagen. Diesem fachübergreifenden Ansatz folgend, war auch die hochkarätige Reisegruppe interdisziplinär zusammengesetzt (siehe Bild unten).

Das Programm war mit zwei Radtouren und insgesamt acht Vorträgen sehr ambitioniert. Ein Höhepunkt war am ersten Tag die Radtour mit Niels Jensen, Stadtplaner bei der Stadt Kopenhagen. Es war beeindruckend, die schiere Menge des Radverkehrs während der Rushhour in Kopenhagen zu erleben. Hier wurde einem direkt vor Augen geführt, dass das Fahrrad ein Massenverkehrsmittel sein kann und dafür eigene Wege, Verkehrssignale etc. braucht! Aber selbst Kopenhagen, ein Mekka der Radverkehrsplaner und -aktivisten, hat hier auch Probleme: Auf den Pendlerstrecken sind die Radverkehrsanlagen zur Rushhour überfüllt. Auf 2,0 m breiten Radstreifen wird in zwei, teilweise in drei Reihen nebeneinander gefahren.

Insgesamt erlebt man in Kopenhagen – nicht nur in der Innenstadt – eine sehr hohe städtebauliche Qualität im öffentlichen Raum. Bewegung, Mobilität und Sport werden hier sehr gut miteinander verbunden. So kommt man an vielen Orten dem Leitbild der AGFS „Stadt als lebens- und Bewegungsraum“ nahe. Die zentrale Voraussetzung dafür ist die Konsequenz, mit der man das Auto aus dem öffentlichen Raum zurück gedrängt und die dadurch freigewordenen Flächen dem Radverkehr und der Aufwertung der Aufenthaltsqualität zugeschlagen hat.

Am zweiten Tag war neben einer weiteren Radtour, diesmal bei strahlendem Sonnenschein, der Vortrag von Mikael Colville-Andersen von der Copenhagenize Design Company besonders bemerkenswert. Der Fotograf und Blogger ist einer der gefragtesten Berater zum Thema Radverkehrsförderung. In seinem engagiert gehaltenem Vortrag „Bicycle Urbanism“ nahm er Stellung zur heute immer noch üblichen autoorientierten Verkehrsplanung und gab einen Ausblick auf die Fuß- und Radverkehrsplanung in aller Welt.

Vergleicht man den Stand des Radverkehrs in Kopenhagen mit NRW, zeigt sich, dass Kopenhagen ein sehr dichtes und gut ausgebautes Radverkehrsnetz hat. Allerdings werden auch dort unterschiedliche Führungsformen gemischt und die Führungskontinuität und Netzschlüssigkeit sind nicht immer gegeben. Hier liegt in den Bereichen Dimensionierung und Ausgestaltung seiner Radverkehrsanlagen sowie der Netze NRW bzw. Deutschland auf einem Niveau mit, und teilweise auch über (z.B. bei den Gestaltungskriterien für Radschnellwege) Kopenhagen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass in Kopenhagen vielmehr umgesetzt wird, als in Deutschland. Radfahren ist dort mittlerweile gesellschaftlich so stark verankert, dass es zum Beispiel bei der Umwidmung von Straßen in Citylagen zu Fahrradstraßen, der Anlage von Radwegen oder dem Wegfall von Parkplätzen zugunsten von Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum keine Proteste mehr gibt.

Bei den Gesprächen mit dem dänischen Verkehrsministerium und der dänischen Fahrradbotschaft (Cycling Embassy of Denmark) bzw. dem dänischen Radfahrerbund zeigte sich, dass NRW in einer Hinsicht (weltweit!) eine Spitzenposition hat: Die Vernetzung von Land und Kommunen bei der Radverkehrsförderung in NRW über die AGFS ist einzigartig. Um diesen Aspekt werden die AGFS bzw. NRW – auch in Dänemark – regelrecht beneidet.

In den zwei intensiven Tagen zeigte sich, dass Kopenhagen bei der Rad- und Fußverkehrs-Förderung sowie der Gestaltung des öffentlichen Raums ein sehr hohes Niveau erreicht hat. Dieser Erfolg hat sich jedoch nicht kurzfristig eingestellt, sondern ist das Ergebnis eines Prozesses, der mittlerweile über 30 Jahre andauert. So konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer neben vielen Anregungen für ihre Arbeit zuhause auch die Erkenntnis mitnehmen, dass in NRW – trotz aller bisherigen Erfolge und Fortschritte – noch viel zu tun ist, mitgenommen haben.

Vorne v. l. n. r.: Arndt Klocke, Landtagsabgeordneter (MdL) NRW; Andreas Becker MdL NRW; Günter Garbrecht, MdL NRW; Ulrich Malburg, Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr (MBWSV) NRW; Albert Herresthal, VSF g.e.V.; Horst-Heinrich Gerbrand, Städte- und Gemeindebund NRW; Andreas Hombach, Walter Solbach Metallbau GmbH; Sts. Michael von der Mühlen, MBWSV; Michael Blaess, Stadt Wesel; Peter London, MBWSV; Rolf Kathrein-Lehmann, Ortlieb Sportartikel GmbH. Hinten v. l. n. r.: Ina Spanier-Oppermann, MdL NRW; Hubertus Fehring, MdL NRW; Christine Fuchs, AGFS; Detlef Berthold, Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport; Konrad Weyhmann, Paul Lange & Co.; Ingola Schmitz, MdL NRW; Stefan Böhme, Stadt Münster.